1,5 Grad seit Beginn der Umweltpolitik

1,5 Grad gegenüber über dem Beginn der Umweltpolitik

Als im Jahre 2015 das aktuelle Klimaabkommen von Paris unterzeichnet wurde, feierte es die Presse als ein Erfolg. Nach diesem Übereinkommen soll der Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter auf deutlich unter 2 Grad begrenzt werden und nach Möglichkeit die 1,5 Grad nicht überschreiten.

Aber auch wenn dieses weiche 1,5 Grad Ziel zu Recht von Great Thunberg als hartes Ziel gefordert wird, ist diese Zielsetzung nichts weiter als ein Ausdruck des vollständigen Systemversagens westlicher Politik- und Wirtschafts- und Protestweise.

Dabei geht es nicht um die Begrenzung auf 1,5 Grad an sich. Dieses Ziel ist nach den aktuellen Berichten des Intergovernmetal Panel on Climate Change der Vereinten Nationen (ipcc) das bestmögliche Ziel, das wir bei sofortigen konsequenten Handeln und mit viel Glück noch erreichen können. Zwar führt uns dieses Ziel immer noch unweigerlich in die Katastrophe, so werden bei 1,5 Grad Fluten und Starkregenereignisse in Südost-Asien und extremen Dürren Mittelmeerraum zunehmen. Ebenso wird die Getreideernte in Afrika um 40% einbrechen, aber wenigstens hätten wir dann die Apokalypse verhindert.

Falls es also tatsächlich bei einer Erderwärmung von 1,5 Grad bleiben sollte, so wäre dies tatsächlich ein Triumph der Jugend. Die 1,5 Grad sind also nicht das Problem, sondern der Bezugszeitraum. Es geht um die Begrenzung gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter.  

Global Average Temperatur (1880 – 2017)

Unter dem Vorindustriellen Zeitalter versteht der ipcc die Periode zwischen den Jahren 1850 und 1900. Die globale Erwärmung, so legt dieser Bezugszeitraum nahe, sollte sich also spätestens ab dem Jahr 1900 bemerkbar machen. Zunächst fiel aber die globale Durchschnittstemperatur mit -0,4 Grad deutlich unter dem Mittelwert dieses Zeitraums. Erst zu Beginn des zweiten Weltkriegs im Jahre 1938 stieg die globale Durchschnittstemperatur zum ersten Mal über diesen Mittelwert. Dies aber auch nur für wenige Jahre. Mit dem Ende des zweiten Weltkriegs normalisierte sich die Temperatur wieder und erreichte schnell wieder das vorindustrielle Niveau. Erst annährend dreißig Jahre später, 1972, stieg die globale Durchschnittstemperatur zum zweiten Mal über dieses Niveau. Seitdem steigt sie kontinuierlich und in letzter Zeit mit wachsender Geschwindigkeit an.

Für viele deutsche Linke ist dabei das Jahr 1972 eines der Schlüsseljahre der Nachkriegsgeschichte. Zum einem gilt es als das Jahr, als das Ende des Bretton Woods Abkommens (offiziell Februar 1973) den Siegeszug des Neoliberalismus einläutete. Zum anderem ist es das Jahr, in dem die deutsche Sozialdemokratie unter Willy Brandt seitdem unerreichte Erfolge feierte. So gilt die Ära Brandt zu Recht als der Beginn der Bundesdeutschen Umweltpolitik, wie dem Sofortprogramm zum Umweltschutz (1970), dem ersten Umweltprogramm (1971) oder der Schaffung des Umweltbundesamtes unter Helmut Schmidt im Jahre 1974. Die Welt – Deutschland holte hier nur eine Entwicklung nach die bereits in den USA und Schweden begonnen hatte – schien 1972 also bereit sich umweltpolitischen Fragen zu stellen und technisch und politisch zu handeln. Aber alle umweltpolitischen Maßnahmen konnten anscheinend der wachsenden Umweltbelastung eines immer weiter deregulierten Freihandels nicht her werden. Schließlich steigt seitdem die globale Temperatur ungebremst an. Zumindest würden dies viele in der heutigen SPD wohl gerne glauben.

Bei dem Zusammenfallen des Beginns der globalen Umweltpolitik und dem Anstieg globalen Erdtemperatur handelt es sich aber nicht um einen Zufall, oder gar um eine Scheinkorrelation, sondern um einen kausalen Zusammenhang. Unser heutiges Problem mit der globalen Erwärmung ist erst durch die umweltpolitischen Maßnahmen der frühen 70er ausgelöst und wird von der aktuellen Umweltpolitik weiter verschärft. Willy Brandts Bundestagsslogan aus dem Jahre 1961“Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden“ bringt die Ursachen dabei auf dem Punkt.

Während der gesamten Früh- und Endphase des Industriezeitalters, also von 1880 bis 1972, wurden Kohle, Öl und andere Energieträger nahezu ungefiltert verbrannt. Neben den ganzen langlebigen Treibhausgasen wie CO2, die der chemische Kern unseres heutigen Problems sind, wurden aber eben auch kohlenstoffhaltige Aerosole, wie Ruß und Feinstaub, ungefiltert ausgestoßen. Diese sorgten zwar für eine lokal zum Teil unerträglich starke Umweltbelastung, eben dem grauen Himmel über dem Ruhrgebiet und den anderen Kohle- und Stahlregionen auf der Welt, aber global, in Bezug auf die Durchschnittstemperatur, hielten dieser graue Himmel die negativen Folgen der Industrialisierung im Griff. So hätte nach den Berechnungen des Hamburger Max Planck Instituts die Emission langlebiger Treibhausgase die globale Temperatur bislang um 1,7 Grad erhöhen müssen. Gleichzeitig sorgten aber die ebenfalls freigesetzten Aerosole für eine mittlere globale Abkühlung von 0,9 Grad und die erwärmende Wirkung der Treibhausgase wurde ausgeglichen. Erst also diese im Zuge der Umweltpolitik rausgefiltert wurden setzte sich der Treibhauseffekt der Gase durch.

Die Physik hinter diesem Effekt ist dabei für jeden ersichtlich, der versteht, dass es bei Bewölkung meistens kühler wird. Ähnlich wie Wolken reflektieren diese Aerosole Sonnenstrahlen in den höheren Schichten der Atmosphäre und reduzieren damit künstlich die natürliche Erwärmung der Erde. Obwohl dieser Zusammenhang auch in der Politik bekannt ist, macht die deutsche Politik nicht nur mit dieser Form der Katastrophenbeschleunigung weiter, zahlreiche Schwellenländer haben sie bereist übernommen. Mit noch schwerwiegendere negativen Folgen ist also noch zu rechnen.

Es ist also kein Wunder, dass die gezielte Umweltverschmutzung, die Emission von Schwefelwolken in die obere Atmosphäre, derzeit wohl eine der effektivsten Lösung gegen den Klimawandel ist, die derzeit diskutiert wird. Unabhängig davon das man die Vernünftigkeit einer solchen Lösung durchaus anzweifeln kann, Hauptziel aktueller Politik muss es sein die katastrophalen Folgen von 50 Jahren verfehlter Umweltpolitik zu reparieren. Diese ist zwar nicht die Ursache der Klimakatastrophe, das ist auch in einer Dienstleistungsgesellschaft immer noch die industrielle Produktion, aber sie hat den Abzug gedrückt um die Dampfkessel der Industrialisierung zur Explosion zu bringen.   

Kind am Rande des Flüchtlingslagers Dadaab (Kenia) vor Gräbern in denen 70 Kinder beerdigt wurden, die an Unterernährung verstarben (2011).

Dies alles ist natürlich kein Grund von dem 1,5 Grad Ziel abzuweichen. Nach den aktuellen Berechnungen des IPCC ist dieses Ziel das einzige, welches wir theoretisch, bei sofortigen entschlossen Handeln und mit einer gehörigen Portion Glück, noch erreichen können. Den angerichteten Schaden von 50 Jahren sogenannter Umweltpolitik können wir bereits jetzt nicht mehr rückgängig machen, aber wir könnten ihre Folgen auf ein katastrophales Maß reduzieren. Derzeit steuern wir aber auf die Apokalypse zu. Um diese zu verhindern müssen Greta Thunberg und extinction rebellion das aber Kind auch beim Namen nennen. Es geht nicht um eine Begrenzung der globalen Durchschnittstemperatur auf 1,5 Grad gegenüber dem industriellen Zeitalters. Es geht um eine Begrenzung von 1,5 Grad gegenüber dem Beginn der Umweltpolitik im Jahre 1972.

Philipp Adamik 2019 public domain

Der Artikel erschien auch hier in der Community des Freitags und hier auf climatestruggle.net

Picture licenses:

Oxfam 2011: East Africa – A mass grave for children in Dadaab.

Nasa 2018: Global average temerature. public domain

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