{"id":1884,"date":"2014-04-08T08:09:59","date_gmt":"2014-04-08T08:09:59","guid":{"rendered":"http:\/\/digitalrealism.info\/?p=1884"},"modified":"2014-04-08T08:09:59","modified_gmt":"2014-04-08T08:09:59","slug":"soziale-situation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/digitalrealism.info\/?p=1884","title":{"rendered":"Die soziale Situation in Deutschland"},"content":{"rendered":"<p>Wie leben die Menschen in Deutschland und welche Rolle spielt die Industrie f\u00fcr die deutsche Gesellschaft. Der Artikel geht der Frage auf Basis von Gerhard Schulzes Theorie der Erlebnisgesellschaft nach.<\/p>\n<p><strong>Eine kurze Einf\u00fchrung in Gerhard Schulzes Theorie der Erlebnisgesellschaft<\/strong><\/p>\n<p>1992 ver\u00f6ffentlichte <a href=\"http:\/\/www.gerhardschulze.de\/\">Gerhard Schulze<\/a>, Professor (em.) f\u00fcr Methoden der empirischen Sozialforschung an der Universit\u00e4t Bamberg, die Untersuchung \u201eDie Erlebnisgesellschaft \u2013 Kultursoziologie der Gegenwart\u201c. In dem damals sehr stark beachteten Buch entwirft er einen immer noch innovativen theoretischen Zugang zur Sozialstrukturanalyse. Grundlage daf\u00fcr ist ein, in der Tradition von Ulrich Becks Individualisierungsthese und Pierre Bourdieus Distinktionsmustern stehendes, neues Handlungsmuster. Nach diesem Muster richten die Menschen in der Bundesrepublik ihre Handlungen nicht mehr an \u00f6konomischen Zw\u00e4ngen sondern an alltags\u00e4sthetischen Schemata aus.<!--more--><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/dahrendorf_haus.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-1825 size-thumbnail\" src=\"http:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/dahrendorf_haus.jpg?w=150\" alt=\"Dahrendorf_Haus\" width=\"150\" height=\"125\" srcset=\"https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/dahrendorf_haus.jpg 600w, https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/dahrendorf_haus-300x250.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a>Kern jeder Sozialstrukturanalyse ist die Einteilung der Gesellschaft in Gro\u00dfgruppen. Hierf\u00fcr kursieren sowohl im soziologischen als auch im allt\u00e4glichen Diskurs unterscheidliche Begriffe. Am bekanntesten sind Karl Marx Begriff der sozialen Klassen (Bourgeoisie und Proletariat) und der Begriff der sozialen Schichten, der ma\u00dfgeblich von Theodor Geiger (1932) und Ralph Dahrendorf (1965) gepr\u00e4gt wurde. Die darauf basierende Einteilung der Gesellschaft in eine Unter-, Mittel- und Oberschicht ist heute vermutlich jedem bekannt. Im wesentlichen Basieren diese Schicht- und Klasseneinteilungen auf der sozio\u00f6konomischen Stellung der Akteure, die empirisch \u00fcber die Merkmale Einkommen und Beruf erfasst wird. Aber auch weichere Konzepte, wie die Mentalit\u00e4t der Menschen und ihr Lebensstil spielen ein Rolle.<\/p>\n<p>F\u00fcr gesellschaftliche Gro\u00dfgruppen verwendet Schulze den modernen Begriff der sozialen Milieus. Diese werden nach Schulze in der \u00dcberflussgesellschaft der Bundesrepublik Deutschland nicht mehr auf Basis der traditionellen sozialstrukturellen Merkmalen Einkommen und Beruf, sondern ma\u00dfgeblich auf Basis alltags\u00e4sthetischer Pr\u00e4ferenzen gebildet. Dabei kann das Konzept der alltags\u00e4sthetischen Pr\u00e4ferenzen in einer Traditionslinie mit dem klassischen Merkmal der Mentalit\u00e4t gesehen werden, geht aber in seinem Differenzierungsgrad deutlich weiter. Im Prinzip kann Schulzes Theorie, wenn es um den Geist der Menschen geht, jede kognitionspsychologische Theorie ersetzen.<\/p>\n<p>Vereinfacht ausgedr\u00fcckt bauen Menschen nach Schulze soziale Beziehungen auf ihrer gegenseitigen Wahrnehmung der \u00c4hnlichkeit dieser Pr\u00e4ferenzen auf. So k\u00f6nnen sich Gruppen unter anderem auf Basis des gleichen Musikgeschmacks bilden. Wer Rockmusik mag trifft sich mit Menschen die diese Vorliebe auch teilen. Gleiches gilt f\u00fcr Freunde der klassischen Musik und der Pop-, Heimat- und der Weltmusik, um nur ein Beispiel f\u00fcr die Beziehungswahl auf der Basis von alltags\u00e4sthetischen Pr\u00e4ferenzen anzuf\u00fchren.<\/p>\n<figure id=\"1792\" aria-describedby=\"caption-1792\" style=\"width: 150px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/publikum-rock-am-ring.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1792 size-thumbnail\" src=\"http:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/publikum-rock-am-ring.jpg?w=150\" alt=\"Publikum Rock am Ring 2009\" width=\"150\" height=\"99\" srcset=\"https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/publikum-rock-am-ring.jpg 3163w, https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/publikum-rock-am-ring-300x199.jpg 300w, https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/publikum-rock-am-ring-768x510.jpg 768w, https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/publikum-rock-am-ring-1024x680.jpg 1024w, https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/publikum-rock-am-ring-1200x797.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-1792\" class=\"wp-caption-text\">Publikum Rock am Ring 2009<\/figcaption><\/figure>\n<p>Dieses Wahlverhalten spiegelt sich auf der Ebene von Gesamtgesellschaften in Form von sozialen Milieus wieder. Diese definiert Schulze als Personengruppen, \u201edie sich durch gruppenspezifische Existenzformen und erh\u00f6hte Binnenkommunikation voneinander abheben\u201c (S. 174). So ergeben das Niveau- (Klassik), Harmonie- (Heimatmusik), Integrations- (Popmusik und Klassik), Selbstverwirklichungs- (Weltmusik) und das Unterhaltungsmilieu (Popmusik) zusammen die Erlebnisgesellschaft der Bundesrepublik Deutschland.<br \/>\nDabei geht Schulze von der Annahme aus, dass Alter, Bildung und Stil die geeignete Grundlage der Gruppeneinteilung sind (vgl. S. 278f).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Relevanz der Theorie heute und die soziale Situation in Deutschland<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Schulzes Arbeit wurde damals von sehr vielen Rezensenten hoch gelobt. So schreibt der Frankfurter Philosoph <a href=\"http:\/\/www.ifs.uni-frankfurt.de\/mitarbeiter_in\/axel-honneth\/\">Axel Honneth<\/a> in seiner sehr detaillierten <a href=\"http:\/\/www.gerhardschulze.de\/wp-content\/uploads\/rez\/Rezension_Honneth.pdf\">Kritik<\/a>, dass Schulze \u201e\u00fcber jeden Schritt seiner Argumentation in einer Weise theoretische Rechenschaft ablegt, die kategorial so umfassend und differenziert ist, dass sich am Ende die Umrisse einer neuen Form von Kultursoziologie abzuzeichnen beginnen.\u201c<br \/>\nAber nicht nur seine theoretischen \u00dcberlegungen sind als argumentativ vorbildlich zu bezeichnen. Gleichzeitig stellt er durch seinen sehr fl\u00fcssigen Schreibstil die Komplexit\u00e4t der Untersuchung und der Bundesrepublik Deutschland mit einer Verst\u00e4ndlichkeit und einem Unterhaltungswert dar, die es jedem gestatten das Buch ann\u00e4hernd mit dem Vergn\u00fcgen eines Romans zu lesen.<br \/>\nAls einzigen Kritikpunkt an Schulzes Arbeit f\u00fchrt Honneth an, &#8220;dass Schulze in seiner Darstellung eine Reihe von empirischen Ph\u00e4nomenen unber\u00fccksichtigt l\u00e4sst, die f\u00fcr den soziokulturellen Zustand der Bundesrepublik mindestens ebenso bedeutsam sind.\u201c<br \/>\nBesonders schwerwiegend erscheint dabei die Ausklammerung \u201ejener breiten Sozialschicht, deren Mitglieder selbst heute noch prim\u00e4r mit der Sicherung ihrer \u00f6konomische Existenz befasst sind.&#8221;<br \/>\nDieser Kritikpunkt wirkt dabei so schwer, dass Honneth in seinem Fazit Schulzes zentrale These zu recht vollst\u00e4ndig anzweifelt.<br \/>\n\u201eIn der \u00c4sthetisierung der Lebenswelt ist, so gesehen, eine soziokulturelle Tendenz zu vermuten, die nur unter einer einzigen, heute sehr unwahrscheinlichen Bedingung Aussicht hat, die Lebenswirklichkeit von Gesellschaften wie derjenigen der Bundesrepublik im Ganzen zu pr\u00e4gen: dass diese n\u00e4mlich zu &lt;&lt; \u00dcberflussgesellschaften &gt;&gt; in dem Sinn werden, wie Schulze es schon f\u00fcr die Gegenwart zu unterstellen scheint.\u201c<\/p>\n<p>Heute, \u00fcber 20 Jahre nach dem Erscheinen des Buches, scheint sich Honneth Kritik empirisch wesentlich st\u00e4rker als Schulzes Darstellung bewahrheitet zu haben. Die soziale Ungleichheit hat sich zwar in den letzten Jahren laut OECD <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2013-11\/oecd-studie-lebenszufriedenheit\">nicht weiter erh\u00f6ht<\/a>, tat dies aber in den Jahren vor 2008\u00a0 deutlich <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2008\/43\/soziale-ungleichheit\">st\u00e4rker<\/a> als in allen anderen OECD-L\u00e4ndern. Diese \u00f6konomische Benachteiligung schl\u00e4gt sich zum Beispiel in den <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/schule\/2013-12\/pisa-ergebnisse-deutschland\">geringeren Bildungserfolgen<\/a> von Kindern aus einkommensschwachen Schichten nieder. Wir scheinen also heute noch weniger in einer von \u00f6konomischen Zw\u00e4ngen weites gehend befreiten Erlebnisgesellschaft zu leben als zum Zeitpunkt der Erhebung im Jahre 1985. Die Brutalit\u00e4t, mit der sich die \u00f6konomische Realit\u00e4t dabei auf das Leben der Menschen auswirkt wird besonders deutlich, wenn man die unterschiedliche Lebenserwartung von Menschen aus der \u00f6konomischen Ober- und Mittelschicht miteinander vergleicht. Statistisch gesehen sterben Unterschichtsmitglieder fast <a href=\"http:\/\/www.focus.de\/finanzen\/news\/alarmierender-datenreport-2013-immer-mehr-deutsche-sind-armutsgefaehrdet_id_3432671.html\">11 Jahre fr\u00fcher<\/a> als Oberschichtsmitglieder. Aus dieser Perspektive hat Uli H\u00f6ne\u00df trotz seiner <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/2014-03\/uli-hoeness-urteil-prozess\">Haftstrafe<\/a> von dreieinhalb Jahren immer noch sechs Jahre mehr in Freiheit zu leben als ein juristisch makelloser Hartz IV Empf\u00e4nger.<br \/>\nAber auch wenn die empirischen Daten gegen Schulzes Theorie der Erlebnisgesellschaft sprechen, so scheint sie doch im Denken und Handeln der Menschen immer noch tief verwurzelt sein. 2002 schrieb Schulze im R\u00fcckblick auf seine Theorie: &#8220;Die Charakterisierung einer Gesellschaft als Erlebnisgesellschaft ist vergleichend gemeint. Mehr denn je passt sie auf die gegenw\u00e4rtige Sozialwelt. Die Herrschaft des neuen Paradigmas von Ich und Welt hat sich befestigt. Globalisierung, neue Armut und soziale Ungleichheit hinterlassen zwar ihre Spuren im Denken der Menschen, aber sie r\u00fctteln nicht an der zentralen Idee.&#8221; Der Begriff der Erlebnisgesellschaft erhebt wegen seiner vergleichenden Konzeption auch nicht den Anspruch die einzige M\u00f6glichkeit zu sein, die Gesellschaft in ihrer Totalit\u00e4t auf den Begriff zu bringen. Ihr Anspruch liegt vielmehr darin, dass einen Gesellschafft, die im historischen oder interkulturellen Vergleich als besonders erlebnisorientiert ausf\u00e4llt, als Erlebnisgesellschaft bezeichnet werden kann. Nach diesem Paradigma wird nicht die Existenz oder die Zunahme sozialer Ungleichheit in emprischen Daten zu einem Signum der Gesellschaft sondern &#8220;wie stark soziale Ungleichheit im Vordergund der Wahrnehmung steht&#8221; (Schulze 2001, S. 294).<br \/>\nUnd in der Tat scheint es so zu sein als ob es sich Deutschland 2014 in einer <em>Besser als Mentalit\u00e4t<\/em> gem\u00fctlich eingerichtet hat, die zwar die Spuren der sozialen Ungleichheit aufnimmt, aber sie noch positiv f\u00fcr sich selbst deutet. So scheint die zunehmende soziale Ungleicheit hier kein Thema zu sein, wie es dieser Tage in Spanien mehrer zehntausend Menschen nicht nur auf die Stra\u00dfen von Madrid, sondern zuvor in <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/zehntausende-demonstrieren-in-spanien-gegen-sparkurs-a-960255.html\">mehreren Protestz\u00fcgen<\/a> durch ganz Spanien hat ziehen lassen. In Deutschand begn\u00fcgt man sich wohl in weiten Teilen der Bev\u00f6lkerung mit einer <em>Besser als<\/em> in Spanien <em>Mentalit\u00e4t<\/em> und achtet darauf, das die missliche soziale Lage dort, die auch durch die massiven Export\u00fcbersch\u00fcsse Deutschlands mitverursacht wurde, nicht den eigenen Geldbeutel \u00fcber h\u00f6here Steuern angreift.<\/p>\n<p>Dies spricht daf\u00fcr, dass die gesamtgesellschaftliche Charakterisierung Deutschlands als Erlebnisgesellschaft empirisch zwar deutlich in Frage gestellt werden muss, aber eben nicht die Metalit\u00e4ten und die Darstellung der oben erw\u00e4hnten f\u00fcnf Milieus (S. 283 \u2013 333). F\u00fcr Schulze sind diese alle \u201ef\u00fcr den Durchschnittsverdiener erreichbar\u201c (S. 177). \u00d6konomische Unterschichtsmilieus werden so zwar aus der Untersuchung systematisch ausgeschlossen, aber die beschriebenen Milieus k\u00f6nnen auch heute noch in ihrer damaligen Form ab der \u00f6konomischen Mittelschicht in Deutschland anzutreffen sein. Dies ist allerdings aus Gr\u00fcnden, die nicht in Schulzes Arbeit zu finden sind, zu hinterfragen. Die Gesellschaft hat sich in den letzten zwanzig Jahren seit der Ver\u00f6ffentlichung insbesondere technologisch weiter entwickelt.<br \/>\nAllerdings ist dies heute kaum mit Hilfe von empirisch fundierter Literatur festzustellen. Seit Schulzes Ver\u00f6ffentlichung 1992 und Michael Vesters <em>Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel<\/em> (2001) scheint sich in Deutschland im Bereich der Sozialstrukturanalyse nichts mehr getan zu haben. Die deutsche Soziologie scheint dieses Feld, mit ernstzunehmenden Folgen f\u00fcr die deutsche Gesellschaft und Demokratie, dem privaten Sinus Marktforschungsinstitut und ihren <a href=\"http:\/\/www.sinus-institut.de\/loesungen\/sinus-milieus.html\">Sinus-Milieus<\/a> \u00fcberlassen zu haben.<br \/>\nDieser Umstand wirft ein extrem schlechtes Licht auf die Forschungslandschafts Deutschlands und den Zustand der Gesellschaft in Bezug auf eine funktionierende Demokratie. Sozialstrukturanalysen sind nicht nur seit Karl Marx, also noch vor der Etablierung der Soziologie als universit\u00e4res Fach, ein Markenzeichen der deutschen Soziologie gewesen, sondern von erheblicher Relevanz f\u00fcr die Wirtschaft, die Politik und die Gesellschaft. Aus diesem Grund sind nahezu s\u00e4mtlichen gro\u00dfen Konzern, jede gro\u00dfe Partei und zahlreiche Ministerien <a href=\"http:\/\/www.sinus-institut.de\/unternehmen\/referenzen.html\">Kunden<\/a> des Sinus Marktforschungsinstituts, die ihre Produkte, Marketingma\u00dfnahmen und politischen Strategien auch an den Ergebnissen des Instituts ausrichten. Durch die Privatisierung dieses Wissens wird die wissenschaftlich reflektierte Deutungshoheit \u00fcber den Zustand der deutschen Gesellschaft diesem Institut und seinen Kunden \u00fcberlassen. Der Gegenstand der Analysen, die Menschen in Deutschland, werden so aus dem Diskurs und der demokratischen Gestaltung der aktuellen und zuk\u00fcnftigen Gesellschaft ein gro\u00dfes St\u00fcck weit ausgeschlossen. Symptomatisch f\u00fcr dieses Ph\u00e4nomen ist zum Beispiel der immer noch weit verbreitete Glaube, dass der Begriff der Industriegesellschaft in einer Gesellschaft, in der das produzierenden Gewerbe mit weniger als <a href=\"http:\/\/www.bpb.de\/nachschlagen\/zahlen-und-fakten\/soziale-situation-in-deutschland\/61694\/erwerbstaetige-nach-wirtschaftszweigen\"> 20 % Besch\u00e4fftigten<\/a> nur noch<a href=\"http:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/36846\/umfrage\/anteil-der-wirtschaftsbereiche-am-bruttoinlandsprodukt\/\"> 25% des Bruttoinlandsprodukts <\/a>erwirtschaftet, noch eine besondere Relevanz h\u00e4tte. Als Folge dessen gehen von Werksschlie\u00dfungen betroffene Arbeitnehmer und B\u00fcrger wie im Fall der Schlie\u00dfung des Opelwerkes Bochum scheinbar f\u00fcr ihr Interesse an dem Erhalt des Arbeitsplatzes auf die Stra\u00dfe, w\u00e4hrend sie eigentlich nur f\u00fcr das Interesse der Konzernleitung nach staatlichen Subventionen protestieren. <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/unternehmen\/2012-12\/opel-bochum-schliessung\">Geschlossen<\/a> werden solche Werke in jedem Fall und f\u00fcr das staatliche Geld k\u00f6nnten ohne den Umweg \u00fcber nationale oder internationale Konzernzentralen f\u00fcr die Arbeitnehmer weit besseres getan werden, als ihre Arbeitspl\u00e4tze drei Jahre l\u00e4nger k\u00fcnstlich am Leben zu erhalten.<\/p>\n<figure id=\"1784\" aria-describedby=\"caption-1784\" style=\"width: 150px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/netzwerkgesellschaft-castells1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1784 size-thumbnail\" src=\"http:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/netzwerkgesellschaft-castells1.jpg?w=150\" alt=\"Modell der Netzwerkgeselslchaft\" width=\"150\" height=\"137\" srcset=\"https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/netzwerkgesellschaft-castells1.jpg 730w, https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/netzwerkgesellschaft-castells1-300x276.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-1784\" class=\"wp-caption-text\">Modell der Netzwerkgeselslchaft<\/figcaption><\/figure>\n<p>Nicht nur weil Schulzes Theorie damit immer noch zu einer der aktuellsten frei zug\u00e4nglichen Theorien zu diesem wichtigen Themengebiet wird, ist sie auch heute noch von gro\u00dfer Relevanz. Seine theoretischen \u00dcberlegungen sind von so hoher Qualit\u00e4t, dass sie selbst durch massive technische Revolutionen wie die weltweite Verbreitung des Internets nur wenig an Bedeutung verlieren. Dies zeigt ein Vergleich mit dem wohl aktuellsten und am besten empirisch \u00fcberpr\u00fcften Sozialstrukturmodell, den bereits erw\u00e4hnten Sinus-Milieus. Im Vergleich dieser beiden Modelle erscheinen die erkennbaren theoretischen Unterschiede, mit Ausnahme der bereits kritisierten zu geringen Beachtung der Einkommensverh\u00e4ltnisse bei Schulze, eher marginal. Sucht man nach Innovationen in diesem Bereich, wie der systematischen Beachtung der weltweiten Verbreitung des Internets, muss man seinen Blick nach Amerika schweifen lassen und die Arbeiten des weltweit renommiertesten Soziologen <a href=\"http:\/\/www.manuelcastells.info\/en\/\">Manuel Castells<\/a> ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<figure id=\"512\" aria-describedby=\"caption-512\" style=\"width: 150px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/network-t11.gif\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-512 size-thumbnail\" src=\"http:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/network-t11.gif?w=150\" alt=\"Ein Netzwerk kurz vor einem Transformationsprozess\" width=\"150\" height=\"121\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-512\" class=\"wp-caption-text\">Netzwerk vor einem Transformationsprozess<\/figcaption><\/figure>\n<p>Seine 1996 ver\u00f6ffentlichte Theorie der Netzwerkgesellschaft stellt meines Wissens den immer noch theoretisch und empirisch ambitioniertesten Versuch dar, die Auswirkungen des Internets auf die Sozialstruktur wissenschaftlich zu erfassen. Ein solcher Versuch fehlt bislang in der deutschen Soziologie. Aber genau wie jeder theoretisch ernstzunehmende Versuch Castells Theorie der Netzwerkgesellschaft wahrnehmen muss, muss er auch Schulzes Theorie der Erlebnisgesellschaft wahrnehmen. Am Ende leben die Menschen vielleicht in einer Gesellschaft, die auch als digitalisierten Erlebnisgesellschaft beschrieben werden kann.<\/p>\n<p>\u00c4hnlichkeiten zwischen dem Begriff des Netzwerks und dem Begriff des Milieus gibt es allemal. Beide versuchen soziale Beziehungen greifbarer zu machen und beide Begriffe stehen in Konkurrenz zu einer strengen hierarchischen Ordnung der Gesellschaft. Die <a href=\"http:\/\/digitalrealism.info\/2014\/03\/26\/schulzes-erlebnisgesellschaft-einfuhrung-und-veroffentlichung-der-originalfragebogen\/\">hier<\/a> erstmalige vollst\u00e4ndige Ver\u00f6ffentlichung der Frageb\u00f6gen der empirischen Erhebung aus dem Jahre 1985 stellen deshalb hoffentlich eine Bereicherung f\u00fcr jedes Institut dar, welches sich dieser gro\u00dfen Aufgabe stellt.<\/p>\n<p>Die Frageb\u00f6gen von Gerhard Schulzes Untersuchung k\u00f6nnen <a href=\"http:\/\/digitalrealism.info\/2014\/03\/26\/schulzes-erlebnisgesellschaft-einfuhrung-und-veroffentlichung-der-originalfragebogen\/\">hier<\/a> herunter geladen werden.<\/p>\n<p><strong>Literatur und weiterf\u00fchrende Literatur:<\/strong><\/p>\n<p>Castells, Manuel (1996): The rise of the network society. Malden, Mass: Blackwell Publishers (Information age, v. 1).<\/p>\n<p>Castells, Manuel (2000): Materials for an exploratory theory of the network society. In: British Journal of Sociology 51 (1), S. 5\u201324.<\/p>\n<p>Castells, Manuel (2007): Communcation, Power and Counter-power in the Network Society. In: International Journal of Communication 1, S. 238\u2013266.<\/p>\n<p>Dahrendorf, Ralph (1965): Gesellschaft und Demokratie in Deutschland. M\u00fcnchen. Pieper.<\/p>\n<p>Geiger, Theodor (1932): Die soziale Schichtung des deutschen Volkes. Soziographischer Versuch auf statistischer Grundlage. Stuttgart. Enke.<\/p>\n<p>Gei\u00dfler, Rainer; Meyer, Thomas (2011): Die Sozialstruktur Deutschlands. Zur gesellschaftlichen Entwicklung mit einer Bilanz zur Vereinigung. 6. Aufl. Wiesbaden: VS, Verl. f\u00fcr Sozialwiss.<\/p>\n<p>Honneth, Axel (1992): Soziologie. Eine Kolumne &#8211; \u00c4sthetisierung der Lebenswelt. M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Schulze, Gerhard (1996): Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart. Frankfurt am Main, New York, N.Y: Campus Verlag.<\/p>\n<p>Schulze, Gerhard (2001): Scheinkonflikte: Zu Thomas Meyers Kritik der Lebensstilforschung. In: Soziale Welt (2001\/3). S. 238 -296.<\/p>\n<p>Schulze, Gerhard (2002): Was wird aus der Erlebnisgeselleschaft. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (B12\/2000). Bonn.<\/p>\n<p>Vester, Michael et. al. (2001): Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel. Suhrkamp. Frankfurt a. M.<\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrende Links:<\/strong><\/p>\n<p>Gerhard Schulzes <a href=\"http:\/\/www.gerhardschulze.de\/\">Webseite<\/a>.<\/p>\n<p>Eine ausf\u00fchrlichere Darstellung der Theorie der Erlebnisgesellschaft gibt es <a href=\"http:\/\/www.bpb.de\/apuz\/25689\/die-erlebnisgesellschaft-der-kollektive-weg-ins-glueck?p=0\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>Den R\u00fcckblick zehn Jahre nach der Ver\u00f6ffentlichung <a href=\"http:\/\/www.bpb.de\/apuz\/25682\/was-wird-aus-der-erlebnisgesellschaft\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>Axel Honneth und weitere Rezensionen des Buches sind <a href=\"http:\/\/www.gerhardschulze.de\/index.php\/bucher\/die-erlebnisgesellschaft\/rezensionen\/\">hier<\/a> zu finden.<\/p>\n<p>Das Buch kann <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3593348438\/ref=as_li_ss_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=19454&amp;creativeASIN=3593348438&amp;linkCode=as2&amp;tag=digitreali-21&quot;&gt;Die%20Erlebnisgesellschaft: Kultursoziologie der Gegenwart&lt;\/a&gt;&lt;img src=&quot;http:\/\/ir-de.amazon-adsystem.com\/e\/ir?t=digitreali-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=3593348438&quot; width=&quot;1&quot; height=&quot;1&quot; border=&quot;0&quot; alt=&quot;&quot; style=&quot;border:none !important; margin:0px !important;&quot; \/\">hier<\/a> bei Amazon bestellt werden.<\/p>\n<p><strong>Lizenzen:<\/strong><\/p>\n<p>\u00a9 Text: Philipp Adamik 2014<\/p>\n<p>Frageb\u00f6gen: Prof. Dr. Gerhard Schulze 1985<\/p>\n<p>Bildlizenzen: Titelbild <a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/11531297@N00\/3603630400\/in\/photolist-6urxLC-6unoQZ-6urLv5-6urGW1-6urCF9-6urKVs-6uryDE-6urGAs-6unwPa-6unAEx-6unxLz-6urDvh-6unyVg-6unuoD-6urxbA-6urAvA-6unrXP-6urwNA-6unubi-6unste-6urFif-6unBQz-6urAeE-6unwzt-6unvst-6unnK2-6urxhw-6unBok-6urBqE-6unrnF-6urDaN-6urySJ-6unyKR-6unwHk-6unrCR-6urwWo-6urEij-6unpjg-6unnSk-6unAae-6unvWa-6urz95-6urFwC-6urycm-cbd6m1-cbd5jd-4Upas2-4UstJU-88xMEf-NRJir-6Hyunq\">CC-BY-NC 2.0<\/a>: <a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/11531297@N00\/3603630400\/in\/photolist-6urxLC-6unoQZ-6urLv5-6urGW1-6urCF9-6urKVs-6uryDE-6urGAs-6unwPa-6unAEx-6unxLz-6urDvh-6unyVg-6unuoD-6urxbA-6urAvA-6unrXP-6urwNA-6unubi-6unste-6urFif-6unBQz-6urAeE-6unwzt-6unvst-6unnK2-6urxhw-6unBok-6urBqE-6unrnF-6urDaN-6urySJ-6unyKR-6unwHk-6unrCR-6urwWo-6urEij-6unpjg-6unnSk-6unAae-6unvWa-6urz95-6urFwC-6urycm-cbd6m1-cbd5jd-4Upas2-4UstJU-88xMEf-NRJir-6Hyunq\">Ralf Heid<\/a>; <a href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Dahrendorf_Haus.jpg\">Dahrendorf Haus<\/a> Public Domain by Gavin Mitchell; Modell der Netzwerkgesellschaft und Darstellung eines Netzwerks kurz vor einem Transformationsprozess \u00a9 Philipp Adamik.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie leben die Menschen in Deutschland und welche Rolle spielt die Industrie f\u00fcr die deutsche Gesellschaft. Der Artikel geht der Frage auf Basis von Gerhard Schulzes Theorie der Erlebnisgesellschaft nach. Eine kurze Einf\u00fchrung in Gerhard Schulzes Theorie der Erlebnisgesellschaft 1992 ver\u00f6ffentlichte Gerhard Schulze, Professor (em.) f\u00fcr Methoden der empirischen Sozialforschung an der Universit\u00e4t Bamberg, die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1792,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6],"tags":[129,175,194,199,219,220,236,256,284,369,399,412,418,450,467,515,573],"class_list":["post-1884","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-a-networked-network-theory","category-about-society","tag-bourdieu","tag-demokratie","tag-digitaler-realismus","tag-distinktionsmuster","tag-erlebnisgesellschaft","tag-erlebnismilieus","tag-fragebogen","tag-gerhard-schulze","tag-individualisierungsthese","tag-manuel-castells","tag-milieus","tag-network-society","tag-netzwerkgesellschaft","tag-philipp-adamik","tag-prof-gerhard-schulze","tag-sozialstruktur","tag-urlich-beck"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/digitalrealism.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1884","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/digitalrealism.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/digitalrealism.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/digitalrealism.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/digitalrealism.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1884"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/digitalrealism.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1884\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/digitalrealism.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1792"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/digitalrealism.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1884"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/digitalrealism.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1884"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/digitalrealism.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1884"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}