{"id":2138,"date":"2014-08-12T09:11:23","date_gmt":"2014-08-12T09:11:23","guid":{"rendered":"http:\/\/digitalrealism.info\/?p=2138"},"modified":"2014-08-12T09:11:23","modified_gmt":"2014-08-12T09:11:23","slug":"digital-realism","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/digitalrealism.info\/?p=2138","title":{"rendered":"digital realism"},"content":{"rendered":"<p>Vor zwei Jahren startete der Blog digital realism als Nebenprojekt zu meiner Dissertation und meinem literarischen Schaffen. Seitdem hat sich der Blog nicht nur in seinem Erscheinungsbild stark gewandelt. Aus einem kleinen Blog ist ein gro\u00dfer kleiner Blog mit einer regelm\u00e4ssigen Leserschaft geworden. Aber digital realism hat nicht nur an Popularit\u00e4t gewonnen, auch die thematische Ausrichtung und der Modus der Ver\u00f6ffentlichung habenb sich ver\u00e4ndert.<!--more-->Regelm\u00e4ssige Gastbeitr\u00e4gen von Kyrosch Alidusti, Diana Crow oder Bj\u00f6rn Herring bereichern den Blog thematisch. Mit dieser Ver\u00e4nderung einher geht auch ein Wechsel des Publikationsmoduses. W\u00e4hrend fr\u00fcher jeder Beitrag direkt nach seiner Fertigstellung ver\u00f6ffentlicht und \u00fcber die soziale Medien distribuiert wurde, erscheint digital realism nun alle drei Monate in Form eines digitalen Magazins.<br \/>\nAls thematischer Schwerpunkt bildet sich gerade die politischen Popkultur heraus.<br \/>\nDabei orientiert sich das Verst\u00e4ndnis von Popkultur an einer neomarxistischen Auffassung, die Pop als B\u00fchne des allt\u00e4glichen Klassenkampfes ansieht.<\/p>\n<p>F\u00fcr Adorno und Horkheimer war die Kulturindustrie kaum mehr als ein Erf\u00fcllungsgehilfe der kapitalistischen Ideologie. Die ganze kapitalistische Welt &#8220;wurde durch das Filter der Kulturindustrie geleitet&#8221;. Durch dem es gelang &#8220;die Macht des \u00f6konomisch St\u00e4rksten&#8221;, die &#8220;technische Rationalit\u00e4t&#8221;, auf die gesamte Gesellschaft auszudehnen.<\/p>\n<p>Wenn man die weit verbreitete und etwas vulg\u00e4re Gleichsetzung von Kulturindustrie und Popkultur zu n\u00e4chst akzeptiert, dann hat sich die Sichtweise auf die popul\u00e4re Kultur in den neueren neomarxistsichen Theorien deutlich gewandelt. So sieht\u00a0Slavoj \u017di\u017eek in der Popkultur die einzig verbliebene B\u00fchne des Klassenkampfes.<\/p>\n<p>Dabei geht im Kern diese Auffassung der Popkultur von einem unglaublichen Siegeszug des Kapitalismus aus, dem es gelungen ist in den westlichen Dienstleistungsgesellschaften (wenn auch auf niedrigen Niveau) die physischen Grundlagen des \u00dcberlebens f\u00fcr jedes Individuum zu sichern, einen gewissen Wohlstand ab der sozio\u00f6konomischen Mittelschicht zu erm\u00f6glichen und somit scheinbar den revolution\u00e4ren Klassenkampf den N\u00e4hrboden entzogen zu haben. Unter diesen gesellschaflichen Umst\u00e4nden wird sowohl aus der etablierten Politik als auch aus den politischen Protesten nur noch eine entpolitisierte Verwaltung der Verh\u00e4ltnisse. Im Feld der Politik existiert heute keine Politik mehr.<\/p>\n<p>Anhand der Reaktionen auf die zahlreichen Widerspr\u00fcche des Systems wird dieses Konzept der entpolitisierten Politik deutlich. Diese Widerspr\u00fcche sind unter anderem:<\/p>\n<p>&#8211; die immer weiter aufklaffende Schere zwischen Arm und Reich,<\/p>\n<p>&#8211; die deutlich niedrigere Lebenserwartung armer Bev\u00f6lkerungsschichten,<\/p>\n<p>&#8211; das Funktionieren der Illusion der Chancengleicheit ausschlie\u00dflich f\u00fcr die h\u00f6heren sozio\u00f6konomischen Schichten,<\/p>\n<p>&#8211; der Ausbreitung des Rassismus in die Mitte und den F\u00fchrungsetagen der Gesellschaft und<\/p>\n<p>&#8211; die Praxis die Kosten (\u00f6konomischer) Katastrophen von den Verursachern auf die Opfer umzuw\u00e4lzen (z. B. Wirtschafts- und Eurokrise).<\/p>\n<p>Insgesamt ist es seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gelungen den Kapitalismus zu einem globalen System der \u00f6konomischen, \u00f6kologischen und sozialen Ausbeutung zu erheben, in dem der realativ hohe Lebensstandard der westlichen Mittel- und Unterschicht tagt\u00e4glich mit Menschleben in Indien, China oder Taiwan erkauft wird.<\/p>\n<p>Dieses globale System der Ausbeutung sorgt im wesentlichen daf\u00fcr, dass sich der Protest der, immer noch von den sch\u00e4rfsten sozialen Ungleichheiten weit entfernten deutschen Mittel- und Unterschicht in fragmentierten und entpolitisierten Klein- und Kleinstprotesten \u00e4u\u00dfert.<\/p>\n<p>Diese wenden sich mal gegen die Atomenergie, mal gegen das Transatlantische Freihandelsabkommen oder die Modernisierung von Bahnh\u00f6fen. Revolution\u00e4r, radikal oder politisch ist an diesen Protesten allerdings \u00fcberhaupt nichts. Sie fragmentieren den Klassenkampf in Klein- und Kleinstproteste, die sich am kapitalistischen Effizienzkriterium orientieren.<\/p>\n<p>In dem es den Protestierenden um das Erreichen konkreter Ziele, dem Atomausstieg, den Stop des Freihandelsabkommens oder eines Bahnhofsbaus und nicht um die Ver\u00e4nderung der Gesellschaft als Ganzes geht, ziehen sich nicht nur sich selbst jedweden revolution\u00e4ren Zahn, sondern machen aus ihrem &#8220;politischen&#8221; Protest ein effizienzorientiertes \u00f6knomischen Projekt. Aus den Protestierenden werden so kostenlose Zuarbeiter f\u00fcr die etablierte Politik und \u00d6konomie, deren kritische Expertise dankbar angenommen wird. Nur ein wenig tr\u00f6stlich ist es dabei, dass es ihnen zumindest gelingt das ganze System ein klein wenig ertr\u00e4glicher zu gestalten.<\/p>\n<p>Durch diese weitesgehende Aufgabe revolution\u00e4rer Proteste und nicht durch den Niedergang des Staatssozialismus scheinen wir das Ende der Geschichte, das Reich des tausendj\u00e4hrigen Kapitalismus, erreicht zu haben.<\/p>\n<p>Aber genau in diesem Triumph liegt, so Paradox es klingt und so unentdeckt wie es von Adorno und Horckheimer geblieben ist, die Chance zur \u00dcberwindung des Kapitalismus. Denn, sobald man sich vom Neomarxismus der Frankfurter Schule abwendet und sich den klassischen Werken Karl Marxs zuwendet, liegt gerade ein der Entfaltung des Kapitalismus die Grundlage f\u00fcr seine \u00dcberwindung. Dabei sind aus meiner Perspektive drei kapitalistische Entwicklungen seit dem Zweiten Weltkrieg, die besonders vielversprechend sind.<\/p>\n<p>Dies ist die bereits Eingangs erw\u00e4hnte:<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0 immense Wohlstandssteigerung, die inzwischen auch die Bev\u00f6lkerungsriesen Indien und China erreicht hat,<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0 die Entwicklung des Internets und<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0 die Entwicklung und Ausbreitung einer globalen popul\u00e4ren Kultur.<\/p>\n<p>In der auf der Steigerung der landwirtschaftlichen und industriellen Produktion basierenden immensen Wohlstandssteigerung liegt der Kern der \u00dcberwindung des Kapitalismus. Durch diese sind bereits heute in Deutschland und anderen westlichen Dienstleistungsnationen nur noch knapp 25 % der Menschen mit der Produktion von materiellen G\u00fctern (Industrie und Landwirtschaft) besch\u00e4fftigt. Die restliche, weitesgehend von der Erbringung lebensnotwendiger Arbeiten befreite menschliche Leistungs- und Kreativkraft kann in ein Gesellschaftsystem m\u00fcnden, in dem es nicht mehr um die Erwirtschaftung eines Gewinns sondern um die m\u00f6glichst gerechte Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens geht. Wird dar\u00fcber hinaus noch die Masse an unproduktiver Produktion\u00a0 (funktionale \u00dcberproduktion von Nahrungsmitteln, Automobilen, Unterhaltungselektronik, etc.) verzichtet und die immer noch mehr als ausreichend produzierten G\u00fcter gerechter verteilt, ergibt sich durch eine sinkende Wirtschaftsleistung ein globales Weniger an Ausbeutung.<\/p>\n<p>Koordiniert werden kann diese Gesellschaft, in der die Hauptaufgabe der meisten Menschen in der gerechten Gestaltung der Gesellschaft liegt, durch die Erfindung des Internets.<\/p>\n<p>Durch die Radikalit\u00e4t des sozialen Wandels durch das Internet, der den sozialen Wandel durch die Dampfmaschine und den Buchdruck bei weitem \u00fcbersteigt, sind zum ersten mal in der Geschichte der Menschheit die technologischen Vorraussetzungen f\u00fcr eine globale Demokratie vorhanden. W\u00e4hrend Karl Marx Ende 1847 im Manifest noch von der Ausbreitung des Klassenkampfes mit Hilfe der Eisenbahn innerhalb weniger Jahre tr\u00e4umte, so w\u00fcrde er heute mit Hilfe des Internets von einer Ausbreitung innerhalb weniger Sekunden tr\u00e4umen.<\/p>\n<p>Das Internet bildet also das technologische R\u00fcckgrat um die Organisation der Gesellschaft in die H\u00e4nde der Menschen selbst und nicht mehr in die H\u00e4nde einer politischen und wirtschaftlichen Eliten zu legen. Hierzu bedarf es aber zun\u00e4chst der popul\u00e4ren Kultur.<br \/>\nDenn wenn Politik weitesgehend entpolitisiert ist, dann muss sich das emanzipatorische Politische zun\u00e4chst eine neue Heimat zu suchen.<br \/>\nPopul\u00e4re Kultur kann so eine neue Heimat sein. In ihr und mit ihrer Hilfe k\u00f6nnen neue Formen des demokratischen Zusammenlebens, der Organisation und des Wirtschaftens gef\u00f6rdert und erprobt werden. Und dies ist der schlie\u00dflich der Kern des Politischen.<br \/>\nUm den ideologischen Kern der popul\u00e4ren Kultur, verstanden als Kultur f\u00fcr und von den Massen, herum k\u00f6nnen R\u00e4ume geschaffen werden, in denen die Produktion von Kultur nicht mehr dem abstrakten Gewinnstreben der Kulturindustrie untergordnet ist, sondern der Befriedigung von Bed\u00fcrfnissen dient.<br \/>\nUnd schlie\u00dflich kann durch eine globale, durch das Internet kommunzierende popul\u00e4re Kultur eine Br\u00fccken zu anderen Menschen und Kulturen geschlagen werden. Und dies kann die die Grundlage einer globalen Demokratie bilden.<\/p>\n<p>Wer in diesem Kontext der Popkultur eine Amerikanisierung der deutschen Kultur vorwirft \u00fcbersieht, dass es im Kern um die \u00dcberwindung des Nationalstaates als Ordnungsprinzip und somit um die \u00dcberwindung des Deutschen und des Amerikanischen an sich geht.<\/p>\n<p>Popkultur kann einen Raum bieten in dem es nicht mehr um systemstabilisierende politische Forderungen, sondern um das Erschaffen und Leben von \u00f6konomischen, politischen und sozialen Alternativen in der Netzwerkgesellschaft geht. Sie kann die politisierte Alltagswelt der Netzwerkgesellschaft bilden, von der aus neue emanzipatorische politische Bewegungen entstehen k\u00f6nnen. Sie kann der Kern des neuen und gleichzeitig sehr alten Politischen sein.<\/p>\n<p>DIGITAL realism m\u00f6chte dazu einen Beitrag leisten und, wenn auch zwangsl\u00e4ufig fragmentarisch, die aktuellen politischen, \u00f6konomischen und sozialen Grundlagen beleuchten, die es erm\u00f6glichen Alternativen nicht zu fordern, sondern Alternativen zu leben.<br \/>\nHierzu sind alle eingeladen und k\u00f6nnen ihre Beitr\u00e4ge auf diesen Blog ver\u00f6ffentlichen. Dazu gen\u00fcgt eine Mail an digital_realism@aol.de.<br \/>\nDie Beitr\u00e4ge erscheinen dann in einer der n\u00e4chsten Ausgaben und werden, solange nichts anderes vereinbart wurde, unter einer CC-BY-SA-3.0 Lizenz ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p><em>CC-BY-SA.3.0. Philipp Adamik 2014<\/em><\/p>\n<p>Der inhaltliche Teil des Artikels erschien urspr\u00fcnglich unter dem Titel <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/philipp-adamik\/ist-pop-die-letzte-bastion-des-politischen\">Popkultur, die letzte Bastion des Politischen<\/a> auf DER FREITAG.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor zwei Jahren startete der Blog digital realism als Nebenprojekt zu meiner Dissertation und meinem literarischen Schaffen. Seitdem hat sich der Blog nicht nur in seinem Erscheinungsbild stark gewandelt. Aus einem kleinen Blog ist ein gro\u00dfer kleiner Blog mit einer regelm\u00e4ssigen Leserschaft geworden. Aber digital realism hat nicht nur an Popularit\u00e4t gewonnen, auch die thematische [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2049,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-2138","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/digitalrealism.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2138","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/digitalrealism.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/digitalrealism.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/digitalrealism.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/digitalrealism.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2138"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/digitalrealism.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2138\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/digitalrealism.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2049"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/digitalrealism.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2138"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/digitalrealism.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2138"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/digitalrealism.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2138"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}