{"id":2587,"date":"2015-04-05T09:13:47","date_gmt":"2015-04-05T09:13:47","guid":{"rendered":"http:\/\/digitalrealism.info\/?p=2587"},"modified":"2015-04-05T09:13:47","modified_gmt":"2015-04-05T09:13:47","slug":"popkultur-kritik-protest","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/digitalrealism.info\/?p=2587","title":{"rendered":"Popkultur &#8211; Kritik &#8211; Protest"},"content":{"rendered":"<p>Der Kern jedes Protests ist die Kritik. Nach Foucault liegt das Wesen der Kritik darin, dass sie \u201enur im Verh\u00e4ltnis zu etwas anderem als sie selbst\u201c (8) existiert. Dieses Wesen der Kritik wird in der Aussage der Aktivistin und Mitorganisatorin der <a href=\"http:\/\/euromayday.noblogs.org\/\">Euromayday-Parade<\/a> Regine Bey\u00df deutlich:<\/p>\n<p>\u201eUnser Ziel war es, auf die prek\u00e4ren Lebens- und Arbeitsverh\u00e4ltnisse hinzuweisen, die der Kapitalismus in Deutschland und Europa schafft. [\u2026] Wichtig war uns, nicht nur zu kritisieren, sondern auch zu zeigen, welche Alternativen es gibt, die auch schon umgesetzt werden.\u201c<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDer Euromayday war eine Form der Kritik an den prek\u00e4ren Arbeits- und Lebensverh\u00e4ltnissen in Deutschland und Europa, die durch den Kapitalismus geschaffenen wurden. Gleichzeitig reicht er aber \u00fcber Foucaults Verst\u00e4ndnis von Kritik hinaus. Nach Foucault ist Kritik ein \u201eInstrument, Mittel zu einer Zukunft oder zu einer Wahrheit, die sie weder kennen noch seinen wird, sie ist ein Blick auf einen Bereich, in dem sie als Polizei auftreten will, nicht aber ihr Gesetz durchsetzen kann\u201c (9f).<br \/>\nDer Euromayday Protest kennt aber seine Zukunft, auf die er hinarbeitet. Er sieht sie u. a. in einer gerechten Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, in einer gelebten weltweiten Solidarit\u00e4t und, recht konkret, in einem bedingungslosen Grundeinkommen. Foucaults Vorstellung von Kritik paarte sich im Protest mit einem politischen Gestaltungswillen, der in der Darstellung konkreter Alternativen, wie dem Nordpol in der Dortmunder Nordstadt, m\u00fcndete. Dennoch, und da ist der Protest wieder auf dem Niveau der Kritik bei Foucault angekommen, unterscheidet sich die Parade in vielen Punkten von der geforderten Umwelt. So kam es auch w\u00e4hrend der Demonstration nicht zu einer Umverteilung des dort vorhanden gesellschaftlichen Reichtums. Aber in einem Punkt konnte der Protest eines seiner Ziele, zumindest f\u00fcr seine Dauer, auf dem begrenzten Platz des Dortmunder Nordmarkts tats\u00e4chlich realisieren. Die Protestveranstaltung fand sehr viel Anklang bei der, zu einem hohen Anteil <a href=\"http:\/\/europenews.dk\/de\/node\/31170\">migrantisch gepr\u00e4gten<\/a>, Wohnbev\u00f6lkerung der Dortmunder Nordstadt. Hierdurch unterschied sich das Bild der DemonstrantInnen deutlich von dem des etwas \u00e4lteren, wei\u00dfen und gut gebildeten m\u00e4nnlichen B\u00fcrgers, der ansonsten die Protestlandschaft in Deutschland pr\u00e4gt (vgl. Walter 2013, S. 301ff).<br \/>\nIn dem auf dem Dortmunder Nordmarkt Deutsche und Migranten miteinander tanzten und feierten, sich aber auch informierten und demonstrierten, gelang es w\u00e4hrend der Parade der Forderung nach einer weltweit gelebten Solidarit\u00e4t tats\u00e4chlich einen kleinen Raum zu geben. Neben der geschickten Wahl des Ortes der Abschlusskundgebung ist dabei wohl auch der Einsatz von Musik, als eine Auspr\u00e4gung von Popkultur f\u00fcr den Erfolg der Veranstaltung verantwortlich. Dazu die Aktivistin Regine Bey\u00df:<\/p>\n<figure id=\"attachment_2597\" aria-describedby=\"caption-attachment-2597\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/title.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-2597\" src=\"http:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/title.png?w=300\" alt=\"Motiv der Veranstaltung - Indra Handick\" width=\"300\" height=\"145\" srcset=\"https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/title.png 464w, https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/title-300x145.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2597\" class=\"wp-caption-text\">Motiv der Veranstaltung &#8211; Indra Handick<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u201eZum einen war Popkultur ein Element, das die Menschen motivieren sollte, zur Demo zu kommen. Es sollte Spa\u00df machen, sich zu beteiligen, weil es die M\u00f6glichkeit zum Tanzen und Feiern gab. Zum anderen ging es darum, neben den recht negativen Themen ein positives Gef\u00fchl von Gemeinschaft und Freude zu entwickeln. Statt nur zu klagen und anzuprangern, sollte die Wut \u00fcber die herrschenden Verh\u00e4ltnisse weggetanzt und in positive Energie verwandelt werden.\u201c<\/p>\n<p>Popkultur, in ihrer Auspr\u00e4gung als Musik, scheint hier aber selbst nicht politisch zu sein. Sie dient, wie zum Beispiel bei dem <a href=\"http:\/\/www.150-jahre-spd.de\/87540\/berlin_17.08.-18.08.2013_unser_deutschlandfest.html\">Deutschlandfest der SPD<\/a>, als unpolitischer Motivator zur Teilnahme an einer politischen Veranstaltung. Allerdings wird man mit dieser Sichtweise dem Charakter, den Popkultur im Rahmen des Euromaydays gespielt hat, nicht ganz gerecht. In Regine Bey\u00df Aussage \u201ezum anderen ging es darum, neben den recht negativen Themen ein positives Gef\u00fchl von Gemeinschaft und Freude zu entwickeln\u201c steckt wesentlich mehr kritisches Potential als es eine Interpretation von popul\u00e4rer Musik als Motivation f\u00fcr eine Auseinandersetzung und willkommen Ablenkung von den schwierigen und ernsten politischen Themen vermuten l\u00e4sst. Setzt man die popkulturelle Praxis des Tanzen und Feierns zur Musik in Relation zum Hauptthema des Protests, den prek\u00e4ren Arbeits- und Lebensverh\u00e4ltnissen, dann dr\u00fcckt sich in dieser Praxis auch Protest gegen und die kurzzeitige gemeinsame Flucht aus der prek\u00e4ren Lebens- und Arbeitswelt aus.<br \/>\nPopkultur, so zeigt es die Veranstaltung, kann demnach f\u00fcr Proteste mehr sein, als nur ein unpolitischer Motivator. Sie kann sowohl Protest gegen prek\u00e4re Arbeits- und Lebensverh\u00e4ltnisse sein, als auch Gruppen miteinander verbinden, die, trotz gemeinsamer Interessen, in aller Regel getrennt demonstrieren. In diesem Sinne kann sie einen kleinen Beitrag zu einer besseren und solidarischeren Welt leisten.<\/p>\n<p><em>Philipp Adamik 2014<\/em><\/p>\n<p>Dieses Essay ist ein Teil des am 2.12.2014 an der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum gehaltenen Vortrags <a href=\"http:\/\/www.trailer-ruhr.de\/kulturcafe-bochum-ruhr-uni-adorno-philipp-adamik-kyrosch-alidusti\">Kampfzone Popkultur<\/a>. Die Aktivistin\u00a0<a href=\"\/autoren\/schlachtreif\">Regine Bey\u00df <\/a>ver\u00f6ffentlicht unter anderem in der Community der Wochenzeitung der Freitag.<\/p>\n<p>Literatur:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3883960934\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=19454&amp;creativeASIN=3883960934&amp;linkCode=as2&amp;tag=digitreali-21&amp;linkId=4UOMUWH4XKIUD7MF\">Foucault, M. (1978). Was ist Kritik? Frankfurt am Main<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3498072544\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=19454&amp;creativeASIN=3498072544&amp;linkCode=as2&amp;tag=digitreali-21&amp;linkId=PU5C5VXC2P3WXFU3\">Walter, Franz (Hrsg.) (2013). Die neue Macht der B\u00fcrger: Was motiviert die Protestbewegungen? Reinbek bei Hamburg.<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Kern jedes Protests ist die Kritik. Nach Foucault liegt das Wesen der Kritik darin, dass sie \u201enur im Verh\u00e4ltnis zu etwas anderem als sie selbst\u201c (8) existiert. 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