{"id":2848,"date":"2015-10-31T12:48:05","date_gmt":"2015-10-31T12:48:05","guid":{"rendered":"http:\/\/digitalrealism.info\/?p=2848"},"modified":"2015-10-31T12:48:05","modified_gmt":"2015-10-31T12:48:05","slug":"das-ist-eben-krieg-krieg-ist-die-hoelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/digitalrealism.info\/?p=2848","title":{"rendered":"#Rojava_2: Das ist eben Krieg, Krieg ist die H\u00f6lle"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zweiter Teil des <a href=\"http:\/\/akduell.de\/\">ak[due]ll<\/a> Interviews mit einem Freiwilligen im B\u00fcrgerkrieg um Rojava. <\/strong><\/p>\n<p>Anfang des Jahres ging Mike (Name ge\u00e4ndert) ins nordsyrische Rojava um die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) in ihrem Kampf gegen den Islamischen Staat zu unterst\u00fctzen. Nach seiner R\u00fcckkehr ist dieses Interview, das in drei Teilen in der ak[due]ll erscheint, entstanden. <a href=\"http:\/\/akduell.de\/2015\/10\/wer-kein-freund-ist-ist-nichts-wert\/\">Im ersten Teil des Interviews<\/a> schilderte Mike seinen Weg nach Rojava von einer Demonstration in Deutschland bis an die Front im Norden Syriens. Im zweiten Teil liegt der Fokus auf dem Kriegsgeschehen vor Ort. Von Gastautor <a href=\"http:\/\/digitalrealism.info\/category\/vortrage-2\/\">Philipp Adamik<\/a><!--more--><\/p>\n<div class=\"entry-content\">\n<p><strong>ak[due]ll: Bisher hast du ja haupts\u00e4chlich vom Verlauf der Al Hasaka Offensive [siehe letztes Interview] berichtet. Wie hast du denn pers\u00f6nlich den Krieg erlebt?<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_2850\" aria-describedby=\"caption-attachment-2850\" style=\"width: 333px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/1_ypg_soldier_during_isil_fight.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2850\" src=\"http:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/1_ypg_soldier_during_isil_fight.jpg\" alt=\"\" width=\"333\" height=\"223\" srcset=\"https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/1_ypg_soldier_during_isil_fight.jpg 960w, https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/1_ypg_soldier_during_isil_fight-300x201.jpg 300w, https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/1_ypg_soldier_during_isil_fight-768x514.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 333px) 100vw, 333px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2850\" class=\"wp-caption-text\">YPG-Soldatin w\u00e4hrend des Kampfes gegen den IS<\/figcaption><\/figure>\n<p>Mike: In dem christlichen Dorf, in dem wir stationiert waren, war das so eine Art Grabenkampf. Wir hatten unser Dorf, die [Anm. d. Red.: der IS] hatten ihr Dorf. Wir waren 200 Meter voneinander entfernt und haben jede Nacht hin und her geschossen. Dazwischen lag nur ein Feld. Das war wie im Ersten Weltkrieg. Das findet man heute in fast keinem Krieg mehr.Zwischendurch haben wir vergeblich versucht, das Dorf gegen\u00fcber einzunehmen. Nach vier Tagen hat die US-gef\u00fchrte Koalition dann angefangen das Dorf zu bombardieren. Was wichtig ist, denn ohne die US-Unterst\u00fctzung [Anm. d. Red.: Seit Ende 2014 fliegt eine von den USA gef\u00fchrte Anti-IS-Koalition Luftangriffe in der Region] w\u00fcrde da rein gar nichts laufen. Die ganze Offensive fing n\u00e4mlich mit erst unglaublich vielen Luftschl\u00e4gen an. Die US-gef\u00fchrte Koalition hat durch ihre Luftangriffe die Front vor sich her getrieben. Das war auch bei uns so.<\/p>\n<p><strong>ak[due]ll: Wie kann man sich so eine Luftangriff vorstellen?<\/strong><\/p>\n<p>Mike: Bei uns wurde zwischen vier und f\u00fcnf Stunden lang zwischen den beiden D\u00f6rfern hin und her geschossen, dann kam ein Flugzeug und hat das Dorf bombardiert. St\u00e4ndig sind K\u00f6rperteile auf uns herab geregnet und wir dachten: Da ist niemand mehr am Leben. Eine halbe Stunde lang war auch Ruhe. Da bewegte sich nichts. Dann haben sie allahu akbar geschrien; mega laut. Und wieder gek\u00e4mpft. Ich wei\u00df nicht, was so eine 500 Kilo Bombe, die ein Jet abwirft, anrichtet. Jedenfalls ist das eine hunderte Meter hohe Rauchs\u00e4ule. Ein Knall, der die Erde erbeben l\u00e4sst. Da fliegen die Scheiben aus den Fenstern; hundert, hunderte Meter weiter. Eine unglaubliche Vernichtung. Also einfach so etwas Gro\u00dfes, Riesiges, Gewaltiges, wobei ich mir nie vorstellen konnte, dass das irgendjemand \u00fcberlebt, der da in der in der N\u00e4he ist. Aber die haben es \u00fcberlebt und weiter gek\u00e4mpft. Nach acht Tagen hat sich dann herausgestellt, dass das Dorf gegen\u00fcber verlassen war. Nach vier Tagen Bombardement und n\u00e4chtlichen Schie\u00dfereien, hatten sie sich anscheinend aus dem Dorf zur\u00fcckgezogen.<\/p>\n<p><strong>ak[due]ll: Das klingt so, als ob dein Leben st\u00e4ndig bedroht war. Wie bist du damit umgegangen?<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_2879\" aria-describedby=\"caption-attachment-2879\" style=\"width: 317px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/2_the_situation_in_hasakah-svg.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-2879\" src=\"http:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/2_the_situation_in_hasakah-svg.png\" alt=\"Die Situation w\u00e4hrend der Al Hasaka Offensive\" width=\"317\" height=\"165\" srcset=\"https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/2_the_situation_in_hasakah-svg.png 2000w, https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/2_the_situation_in_hasakah-svg-300x156.png 300w, https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/2_the_situation_in_hasakah-svg-768x401.png 768w, https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/2_the_situation_in_hasakah-svg-1024x534.png 1024w, https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/2_the_situation_in_hasakah-svg-1200x626.png 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 317px) 100vw, 317px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2879\" class=\"wp-caption-text\">Die Situation w\u00e4hrend der Al Hasaka Offensive<\/figcaption><\/figure>\n<p>Mike: Da gew\u00f6hnt man sich relativ schnell dran. Es ist eine permanente Bedrohung. Es gibt sehr viele Minen, Sprengfallen, Autobomben, M\u00f6rser, Scharfsch\u00fctzen, einfach alles. Man kommt in so ein Setting, in ein Mindset. Es ist schwer zu beschreiben. Krieg ist sehr vereinnahmend, sehr intensiv; physisch und psychisch. Und da ist man dann eben drin. Das Leben ist sehr anstrengend. Man kriegt kaum was zu essen. Vitaminmangel, kein flie\u00dfend Wasser, keine Elektrizit\u00e4t. Ja einfach nichts im Prinzip. Man schl\u00e4ft mit der Uniform, den Schuhen und dem Gewehr neben sich auf dem Boden und muss jede Nacht Wache halten. Man schl\u00e4ft nie mehr als vier Stunden. Das vereinnahmt einen. Man lebt den Krieg dann eben so.<\/p>\n<p><strong>ak[due]ll: W\u00e4hrend dieser Angriffe sind auch zahlreiche Menschen gestorben. Wie hast du den Verlust derjenigen wahrgenommen, mit denen du zusammen gek\u00e4mpft und gelebt hast?<\/strong><\/p>\n<p>Mike: Also es sterben weit mehr Menschen, als die offiziellen Zahlen angeben. Viele Menschen sterben, weil sie sich nicht an die einfachsten milit\u00e4rischen Grundregeln halten. Man sieht das und denkt sich, das h\u00e4tte auch verhindert werden k\u00f6nnen. Das hat mich in der Regel eigentlich eher frustriert, als dass ich traurig gewesen w\u00e4re. Schlimmer war es dann, wenn tats\u00e4chlich Leute gestorben sind, zu denen man eine echte Verbindung hatte. Denn durch diese intensive Situation baut man teilweise in relativ kurzer Zeit sehr intensive Bindungen zu Menschen auf. Teilweise sterben Menschen nicht nur, weil sie sich unvorsichtig verhalten, sondern weil sie eben getroffen werden. Weil es eben so ist. Das ist nicht einfach. Das geh\u00f6rt aber eben alles zu diesem Setting. Man verroht nat\u00fcrlich. Aber man muss nat\u00fcrlich auch eine emotionale Distanz zu seiner Umgebung schaffen und sich immer freuen, dass man selbst nicht dran Schuld ist oder dass man selbst nicht erwischt wurde. Ich hab mir anfangs auch f\u00fcr Vieles selbst die Schuld gegeben, aber ich konnte relativ schnell diese gewisse emotionale Distanz aufbauen. Es klingt bl\u00f6d, wenn man es selbst nicht erlebt hat, aber das ist eben Krieg. Das ist auch der Standardsatz, den man da tausendmal h\u00f6rt. Das ist eben Krieg und Krieg ist die H\u00f6lle.<br \/>\nDer Artikel erschien urspr\u00fcnglich <a href=\"http:\/\/akduell.de\/2015\/10\/das-ist-eben-krieg-krieg-ist-die-hoelle\/\">hier<\/a> in der <strong>ak[due]ll<\/strong> <strong>online<\/strong> und in der <a href=\"http:\/\/akduell.de\/?wpdmdl=10564\"><strong>ak[due]ll N<\/strong>r. 111 vom 28.10.2015<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Titel- &amp; Beitragsbild:<\/strong> <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Datei:YPG_soldier_during_ISIL_fight.jpg\"> YPG-Soldatin w\u00e4hrend des Kampfes gegen den IS<\/a><br \/>\nClaus Weinberg 2014 <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/2.0\/\">CC-BY 2.0<\/a><\/p>\n<p><strong>Karte:<\/strong> <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Datei:The_Situation_in_Hasakah.svg\">Die Situation w\u00e4hrend der Al Hasaka Offensive<\/a><br \/>\nMouradi 2015 <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/deed.de\">CC-BY-SA 3.0<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zweiter Teil des ak[due]ll Interviews mit einem Freiwilligen im B\u00fcrgerkrieg um Rojava. 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