{"id":2860,"date":"2015-10-31T13:01:39","date_gmt":"2015-10-31T13:01:39","guid":{"rendered":"http:\/\/digitalrealism.info\/?p=2860"},"modified":"2015-10-31T13:01:39","modified_gmt":"2015-10-31T13:01:39","slug":"wer-kein-freund-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/digitalrealism.info\/?p=2860","title":{"rendered":"#Rojava_1: Wer kein Freund ist, ist nichts wert"},"content":{"rendered":"<p><strong>Erster Teil des <a href=\"http:\/\/akduell.de\/\">ak[due]ll<\/a> Interviews mit einem Freiwilligen im B\u00fcrgerkrieg um Rojava.<\/strong><\/p>\n<p>Anfang des Jahres ging Mike (Name ge\u00e4ndert) ins nordsyrische Rojava, um die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) in ihrem Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) zu unterst\u00fctzen. W\u00e4hrend dieser Zeit k\u00e4mpfte und erlebte er mit anderen internationalen Freiwilligen aus der T\u00fcrkei, Deutschland und Brasilien den B\u00fcrgerkrieg mit all seinen Entbehrungen, Schrecken und Leid. Kurz nach seiner R\u00fcckkehr ist dieses Interview, das in mehreren Teilen in der akduell erscheint, entstanden.\u00a0Von <a href=\"http:\/\/digitalrealism.info\/category\/vortrage-2\/\">Philipp Adamik<\/a><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>ak[due]ll:\u00a0 Was hat dich dazu bewogen freiwillig nach Rojava in den Krieg zu ziehen?<\/strong><br \/>\nMike: F\u00fcr mich ging es in erster Linie nicht darum, in den Krieg zu ziehen, sondern ein politisches Projekt zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2861\" aria-describedby=\"caption-attachment-2861\" style=\"width: 295px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/15596725158_627127c781_o-e1445532350589.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-2861\" src=\"http:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/15596725158_627127c781_o-e1445532350589.jpg\" alt=\"Krieg geatmet nicht nur gesehen\" width=\"295\" height=\"196\" srcset=\"https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/15596725158_627127c781_o-e1445532350589.jpg 760w, https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/15596725158_627127c781_o-e1445532350589-300x199.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 295px) 100vw, 295px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2861\" class=\"wp-caption-text\">Krieg geatmet nicht nur gesehen<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ich begreife mich als Kommunist, als Revolution\u00e4r, als Internationalist. Ich habe es als meine Pflicht begriffen, dahin zu fahren, wo gerade eine Revolution stattfindet. Von hier aus ist es schwer zu beurteilen, was genau Revolution in Rojava bedeutet. Es gab viel Unterst\u00fctzung in der linken Szene, auch von mir nat\u00fcrlich. Ich dachte, es w\u00e4re auch interessant, sich einen Einblick zu verschaffen, in wie weit das, was da passiert, tats\u00e4chlich Revolution ist. Das bedeutet dann nat\u00fcrlich auch in den Krieg zu ziehen, weil in Rojava und Syrien einer der brutalsten B\u00fcrgerkriege des 21. Jahrhunderts herrscht.<\/p>\n<p><strong>ak[due]ll: Was verstehst du unter der Revolution in Rojava?<\/strong><br \/>\nMike: F\u00fcr mich hie\u00df das die radikale politische Umw\u00e4lzung im Norden Syriens. Und die Etablierung eines gerechteren, basisdemokratischen Systems.<\/p>\n<p><strong>ak[due]ll: Solche politischen Projekte beginnen ja vielfach als theoretische \u00dcberlegungen. Inwieweit siehst du diese Theorie in Rojava schon umgesetzt?<\/strong><\/p>\n<p>Mike: Das l\u00e4sst sich im Nachhinein schwer sagen, weil es letztendlich nichts anderes war, als in den Krieg zu ziehen. Und Krieg ist sehr chaotisch. Ich habe von den politischen Strukturen wenig gesehen. Von der Front l\u00e4sst sich das schwer beurteilen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2879\" aria-describedby=\"caption-attachment-2879\" style=\"width: 273px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/2_the_situation_in_hasakah-svg.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-2879\" src=\"http:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/2_the_situation_in_hasakah-svg.png\" alt=\"Die Situation w\u00e4hrend der Al Hasaka Offensive\" width=\"273\" height=\"142\" srcset=\"https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/2_the_situation_in_hasakah-svg.png 2000w, https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/2_the_situation_in_hasakah-svg-300x156.png 300w, https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/2_the_situation_in_hasakah-svg-768x401.png 768w, https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/2_the_situation_in_hasakah-svg-1024x534.png 1024w, https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/2_the_situation_in_hasakah-svg-1200x626.png 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 273px) 100vw, 273px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2879\" class=\"wp-caption-text\">Die Situation w\u00e4hrend der Al Hasaka Offensive<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ich war weder in irgendwelchen Verwaltungsstrukturen, noch anderswo, wo ich das h\u00e4tte beobachten k\u00f6nnen. Mein Eindruck von der Stra\u00dfe ist, dass vor allem das Zusammenleben der Kulturen und Religionen besser funktioniert, als es sonst im Mittleren Osten \u00fcblich ist. Dass Frauen, die sich gerne westlich kleiden, die M\u00f6glichkeit dazu haben. Aber gleichzeitig auch arabische Muslime die M\u00f6glichkeit haben, sich traditionell kleiden und im Alltag ihre Glaubensgrunds\u00e4tze zu achten.<\/p>\n<p><strong>ak[due]ll: Wird Religionsfreiheit, wie es auch im Gesellschaftsvertrag von Rojava festgehalten ist,\u00a0 deutlich st\u00e4rker beachtet, als es sonst im mittleren Osten \u00fcblich ist?<\/strong><br \/>\nMike: Ja, das ist mein Eindruck. Ich hatte ja auch den Vergleich zu anderen St\u00e4dten im Nordirak und da war das ein bisschen anders. Die Muslime waren empfindlicher, was den Alltag angeht. Auch in der Umsetzung des Ramadan. In Rojava halten sich viele Muslime an den Ramadan. In Erbil auch, nur das eben in Rojava sich niemand beschwert, wenn man auf der Stra\u00dfe raucht, oder wenn man isst.<\/p>\n<p><strong>ak[due]ll: Du hast dort gegen den IS gek\u00e4mpft, wie w\u00fcrdest du den IS beschreiben?<\/strong><\/p>\n<p>Mike: Das sind Menschen, die versuchen anderen ihren Glauben aufzuzwingen. Die ganz klar abstecken, wer Feind ist und wer Freund. Und wer kein Freund ist, der ist nichts wert. Er wird versklavt, gefoltert, ermordet, massakriert.<\/p>\n<p><strong>ak[due]ll: Wie bist du nach Rojava gekommen?<\/strong><br \/>\nMike: Das war l\u00e4cherlich einfach. Ich hab hier jemanden bei einer Demonstration gefragt. Der meinte: Melde dich bei Facebook an und schreibe denen einfach. Das habe ich getan. Und dann, f\u00fcnf Nachrichten sp\u00e4ter, habe ich ein Flugticket gekauft und habe eine Handynummer bekommen, bin nach Sulaimaniyya geflogen und wurde da empfangen. Anscheinend tauchen da \u00f6fter internationale Freiwillige f\u00fcr die YPG auf. YPG sind die Yek\u00eeney\u00ean Parastina Gel, das sind die Volksverteidigungseinheiten. Dann habe ich mich dahin fahren lassen, weil der Taxifahrer schon wusste, wo das ist. In ein Savehouse, so eine konspirative Wohnung sozusagen.<\/p>\n<p><strong>ak[due]ll: Die T\u00fcrkei haben ja auch die Grenzen dicht gemacht. Wird dort nicht zwischen IS und YPG, YPJ differenziert?<\/strong><br \/>\nMike: Die differenzieren schon recht deutlich. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, dass die T\u00fcrkei nicht nur indirekt, sondern auch direkt den IS sehr aktiv unterst\u00fctzt. Wir wurden teilweise von t\u00fcrkischer Seite beschossen. Ich glaube nicht, dass sie uns treffen wollten, aber sie haben auf jeden Fall r\u00fcber geschossen. Sie haben fl\u00fcchtende ISIS-K\u00e4mpfer mit offenen Armen empfangen. Sie standen nebeneinander auf der t\u00fcrkischen Seite und haben sich \u00fcber uns lustig gemacht.<\/p>\n<p><strong>ak[due]ll: Wie wurdest du auf den Einsatz an der Front vorbereitet?<\/strong><br \/>\nMike:Von Sulaimaniyya wurden wir nach drei Tagen in die Berge gebracht. In ein Lager der HPG, das sind die H\u00eaz\u00ean Parastina Gel. Das ist der milit\u00e4rische Arm der PKK. Wir haben da mit insgesamt 25 Freiwilligen in den Bergen gelebt zwei Wochen lang. Wurden da ausgebildet. Nach zwei Wochen sind wir \u00fcber die Grenze geschmuggelt worden, nach Rojava. Dort wurden wir noch mal sieben Tage ausgebildet. Nach insgesamt drei Wochen Ausbildung ging es an die Front.<\/p>\n<p><strong>ak[due]ll: Und, was hast du da erlebt?<\/strong><br \/>\nMike: Wir kamen erst nach Hasaka. Das war fast auf den Tag genau der Beginn der Al Hasaka Offensive. Das war eine von mehreren Offensiven um den IS auf gro\u00dfer Fl\u00e4che aus Rojava zu vertreiben und den Kanton Ciz\u00eer\u00ea vollends zu befreien.<\/p>\n<p><strong>ak[due]ll: Die Offensive ist von der IS ausgegangen, oder?<\/strong><br \/>\nMike: Nein, von uns. Es fing mit unglaublich vielen Luftschl\u00e4gen durch die Franzosen und Amerikaner an. Nach vier Tagen in Hasaka sind wir nach Kahtanieh. Da sind wir zu unserer Einheit gekommen. Waren in einem christlichen Dorf stationiert. Da gab es auch die ersten K\u00e4mpfe. Es wurde acht Tage lang jede Nacht hin und her geschossen. Dann ist unsere Einheit ein Dorf weiter gezogen, wo dann die ersten Probleme angefangen haben, weil es Kurden gab, die aus Spa\u00df Hunde erschossen haben. Das waren Scharfsch\u00fctzen und die hatten einfach nur Bock ihre Waffen einzusetzen. Ich und andere Freiwillige, haben die Einheit verlassen und sind zu einer anderen Einheit gewechselt. Von da aus sind wir Richtung Norden, an der Grenze zur T\u00fcrkei, und von da aus Richtung Koban\u00ea. Wir haben Tell Abyad eingenommen, der Korridor zwischen Koban\u00ea und Ciz\u00eer\u00ea wurde ge\u00f6ffnet. Das war ein sehr historischer Moment, als wir auf die Kr\u00e4fte aus Koban\u00ea getroffen sind.<\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/digitalrealism.info\/2015\/10\/31\/das-ist-eben-krieg-krieg-ist-die-hoelle\/\">Hier geht es zu Teil zwei<\/a>\u00a0des Interviews von Gastautor Philipp Adamik<\/em><\/p>\n<p>Der Artikel erschien urspr\u00fcnglich <a href=\"http:\/\/akduell.de\/2015\/10\/wer-kein-freund-ist-ist-nichts-wert\/\">hier<\/a> in der <strong>ak[due]ll<\/strong> <strong>online<\/strong> und in der <a href=\"http:\/\/akduell.de\/?wpdmdl=10466\"><strong>ak[due]ll N<\/strong>r. 110 vom 21.10.2015<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Titel- &amp; Beitragsbild:<\/strong> Krieg geatmet nicht nur gesehen.<br \/>\nJordi Bernabeu Farrus <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/2.0\/\">CC-BY 2.0<\/a><\/p>\n<p><strong>Karte:<\/strong> <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Datei:The_Situation_in_Hasakah.svg\">Die Situation w\u00e4hrend der Al Hasaka Offensive<\/a><br \/>\nMouradi 2015 <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/deed.de\">CC-BY-SA 3.0<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erster Teil des ak[due]ll Interviews mit einem Freiwilligen im B\u00fcrgerkrieg um Rojava. 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