{"id":3135,"date":"2017-08-15T19:52:37","date_gmt":"2017-08-15T17:52:37","guid":{"rendered":"http:\/\/digitalrealism.info\/?p=3135"},"modified":"2017-08-17T14:41:25","modified_gmt":"2017-08-17T12:41:25","slug":"kapitalismus-abschaffen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/digitalrealism.info\/?p=3135","title":{"rendered":"Will die Linke den Kapitalismus abschaffen?"},"content":{"rendered":"<p>Im Nachhall des G20 Gipfels in Hamburg diskutierten die beiden M\u00fcnchener Soziologen <a href=\"http:\/\/www.ls1.soziologie.uni-muenchen.de\/personen\/professor\/nassehi\/index.html\">Armin Nassehi<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.stephan-lessenich.de\/\">Stephan Lessenich<\/a> in der Online-Ausgabe \u201eDer Zeit\u201c dar\u00fcber, <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1058250.ob-es-eine-linke-braucht.html\">ob es eine Linke braucht<\/a>. W\u00e4hrend Armin Nassehi in seinem Auftaktartikel, \u201e<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2017-07\/g20-linke-gewalt-kapitalismuskritik-globalisierung-essay\/komplettansicht\">Eine Linke braucht es nicht<\/a>\u201d, die Existenzberechtigung einer Linken in Frage stellt, pl\u00e4diert Stephan Lessenich in seiner Replik \u201c<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2017-07\/g20-gipfel-linke-globalisierung-kapitalismuskritik\/komplettansicht\">Warum es eine Linke braucht<\/a>\u201d f\u00fcr den Erhalt der Linken. Soweit zur <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dialektik\">Dialektik<\/a> einer politischen Debatte zwischen zwei <a href=\"http:\/\/digitalrealism.info\/2013\/08\/28\/the-blogger-as-the-intellectual-of-the-network-society\/\">public intellectuals<\/a> der deutschen Soziologie.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Als Soziologe geht es mir hier aber nicht um die politischen Positionen der beiden, sondern um die verborgenen soziologischen Theorien hinter ihnen. W\u00e4hrend Nassehis Artikel auf einer Variante der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Systemtheorie_%28Luhmann%29\">Systemtheorie Niklas Luhmanns<\/a> beruht, argumentiert Lessenich auf einer, hier nicht n\u00e4her bestimmbaren, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Netzwerktheorie_%28Soziologie%29#Systemtheorie\">Netzwerktheorie<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/File:Luhmann.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3156 alignleft\" src=\"http:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Luhmann-300x300.png\" alt=\"\" width=\"213\" height=\"213\" srcset=\"https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Luhmann-300x300.png 300w, https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Luhmann-150x150.png 150w, https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Luhmann-768x768.png 768w, https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Luhmann-1024x1024.png 1024w, https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Luhmann-125x125.png 125w, https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Luhmann.png 1772w\" sizes=\"auto, (max-width: 213px) 100vw, 213px\" \/><\/a>Beide soziologische Theorien haben dabei zwei vollkommen unterschiedliche, dialektische Zielsetzungen. W\u00e4hrend Luhmanns verwirrend komplexe Systemtheorie das Ziel hat, m\u00f6glichst einfache Beschreibungen unserer Gesellschaft zu erm\u00f6glichen, m\u00f6chte die erstaunlich <a href=\"http:\/\/digitalrealism.info\/2014\/05\/23\/video-power-in-the-network-society\/\">einfache Netzwerktheorie<\/a> m\u00f6glichst komplexe Beschreibungen unserer Gesellschaft erm\u00f6glichen. So l\u00e4sst sich nur mit Luhmann sagen, dass es in den \u201eFunktionssystemen\u201c, Politik, Wirtschaft und Linke nur um Macht, Geld oder, wie bei Nassehi, um die \u201eAbschaffung des Kapitalismus\u201c geht.<\/p>\n<p>An diesem Punkt setzt die Kritik Lessenichs ein, der Nassehi vorwirft, dass er \u201ebemerkenswert komplexit\u00e4tsreduzierend operiert\u201c. Dieser Vorwurf ist nat\u00fcrlich wohlfeil, weil er einer komplexen Theorie, die einfache Beschreibungen erm\u00f6glichen soll, vorwirft, eben dies zu tun. Dies weiss Lessenich als Soziologe selbstverst\u00e4ndlich auch und fragt empirisch, \u201evon welchen Linken hat man diese ultimative Forderung zuletzt geh\u00f6rt\u201c.<\/p>\n<p>In der Schweiz zumindest von keinen. Die internationale Linke, wie sie sich auf dem Basler Kongress \u201e<a href=\"http:\/\/digitalrealism.info\/2017\/03\/01\/reclaim-democracy\/\">Reclaim Democracy<\/a>\u201c Anfang des Jahres versammelt hatte forderte &#8211; wen w\u00fcrde es bei diesem Titel wundern &#8211; mehr Demokratie. Selbstverst\u00e4ndlich ist diese Linke auch kein grosser Freund des Kapitalismus, aber ihr Kernanliegen ist weder die Abschaffung des Kapitalismus noch die Etablierung einer \u201estaatlich-zentralistischen Regulierung\u201c, wie es sich Nassehi zusammensystemtheoretisiert. Zwar m\u00f6gen 2017 noch kleine Teile der deutschen Linken darauf warten, sich endlich ein Ticket f\u00fcr den klassisch-marxistischen Revolutionszug zu kaufen, die internationale Linke tut dies nicht. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-3144 alignleft\" src=\"http:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/page1-543px-OccupyHandSignals.pdf-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/page1-543px-OccupyHandSignals.pdf-212x300.jpg 212w, https:\/\/digitalrealism.info\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/page1-543px-OccupyHandSignals.pdf.jpg 543w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/>Denn sp\u00e4testens <a href=\"http:\/\/digitalrealism.info\/2013\/05\/13\/nachtrag-occupy-war-ein-erfolg\/\">2011 hat Occupy Wallstreet<\/a> gezeigt, dass sich heute die Idee des Klassenkampfes nicht mehr binnen weniger Monate innerhalb einer Nation, sondern binnen weniger Wochen global verbreiten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Heute tr\u00e4umt die internationale Linke eher von einer globalen Demokratie, in der Staaten &#8211; wenn sie \u00fcberhaupt noch als notwendig erachtet werden &#8211; sicher nicht die Funktion einer zentralistischen Regulierung \u00fcbernehmen sollen. Die <a href=\"https:\/\/www.kcl.ac.uk\/artshums\/ahri\/eventrecords\/2015-2016\/CDC\/Cyberparty-popular-politics-in-digital-times.aspx\">internationale Linke<\/a> tr\u00e4umt mindestens von einer Demokratie wie der Schweiz und nicht von einer repressiven Demokratie wie Deutschland.<\/p>\n<p>Dass Nassehis systemtheoretische Beschreibung einer Linken an der Realit\u00e4t vorbel\u00e4uft, wundert dabei niemanden, der einen kleinen \u00dcberblick \u00fcber die Systemtheorie Niklas Luhmanns hat. Schliesslich hat Niklas Luhmanns selbst in einem Interview, das er 1994 wenige Jahre vor seinem Tod gef\u00fchrt hat, ausf\u00fchrlich erkl\u00e4rt, warum seine Systemtheorie nur sehr bedingt f\u00fcr die Beschreibung von Protestbewegungen geeignet ist. Dort zweifelt er, das \u201eman wirklich sagen kann, es gibt eine Protestbewegung mit klaren Au\u00dfengrenzen: Immer, wenn man protestiert, ist man in dieser Bewegung, und wenn nicht, dann nicht. Dazu sind die Themen viel zu diffus\u201d. \u201cDeshalb\u201d, so beendet Niklas Luhmann sein Argument, \u201cdenke ich, da\u00df die Protestbewegungen nicht die Deutlichkeit eines Funktionssystemarrangements haben\u201d, dass sich als klare Differenz zwischen \u201eKapitalismus abschaffen\u201c und Kapitalismus erhalten beschreiben l\u00e4sst.<\/p>\n<p>CC: Philipp Adamik 2017 <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-sa\/4.0\/\">CC-BY-NC 4.0<\/a><\/p>\n<p>F\u00fcr die Bildrechte einfach auf die Bilder klicken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Nachhall des G20 Gipfels in Hamburg diskutierten die beiden M\u00fcnchener Soziologen Armin Nassehi und Stephan Lessenich in der Online-Ausgabe \u201eDer Zeit\u201c dar\u00fcber, ob es eine Linke braucht. 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