{"id":644,"date":"2013-05-13T08:22:54","date_gmt":"2013-05-13T08:22:54","guid":{"rendered":"http:\/\/digitalrealism.wordpress.com\/?p=644"},"modified":"2013-05-13T08:22:54","modified_gmt":"2013-05-13T08:22:54","slug":"nachtrag-occupy-war-ein-erfolg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/digitalrealism.info\/?p=644","title":{"rendered":"Nachtrag: &#8220;Occupy war ein Erfolg&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Am 25.03.2013 erschien auf der Hompage von &#8220;<a href=\"http:\/\/www.freitag.de\/\">der Freitag<\/a>&#8221; das Interview &#8220;<a href=\"http:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/occupy-war-ein-erfolg\">Occupy war ein Erfolg<\/a>&#8221; mit dem linken Theoretiker und Literaturwissenschaftler <a href=\"http:\/\/digitalrealism.wordpress.com\/2013\/03\/30\/eine-rezeptionsanalytische-kritik-von-michael-hardts-und-antonio-negris-demokratie-2013\/\">Michael Hardt<\/a>. Aus Platzgr\u00fcnden wurden Teile des Interviews dort nicht ver\u00f6ffentlicht. Der Autor und Interviewer<a href=\"http:\/\/www.freitag.de\/autoren\/nils-markwardt\"> Nils Markwardt<\/a> war so freundlich mir den bislang unver\u00f6ffentlichten Teil des Interviews zur Verf\u00fcgung zu stellen. Auch an dieser Stelle besten Dank an ihn. Der hier ver\u00f6ffentlichte Teil schlie\u00dft am Ende des Interviews &#8211; nach der Antwort auf die Frage &#8220;Sie w\u00fcrden also nicht sagen, dass Occupy gescheitert ist?&#8221; &#8211; an.<\/p>\n<p><strong>Nils Markwardt: F\u00fcr linke Theoretiker scheinen Antonio Negri und Sie \u00fcberaus optimistisch. Ist die Linke generell zu larmoyant?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Michael Hardt:<\/strong> (Lacht)<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Oder w\u00e4re das zu hart formuliert?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, nein. Vielleicht ist es nicht hart genug. Viele linke Parteien sind zu Jammerparteien geworden. Sie jammern \u00fcber Sachen, die nat\u00fcrlich f\u00fcrchterlich sind. \u00dcber Hierarchien, Unterdr\u00fcckung und dar\u00fcber, dass sie keine Macht haben, all das zu \u00e4ndern. Es ist ein Jammern in Resignation. Aber die Linke muss mehr sein als das. Sie muss auch attraktiv sein. Sie muss Menschen M\u00f6glichkeiten eines alternativen Lebens aufzeigen. Und das machen diese Jammerparteien eben nicht. Jedoch w\u00fcrde ich mich auch gegen den Begriff \u201eoptimistisch\u201c str\u00e4uben. Denn oft wird er als eine Art Beleidigung gebraucht. Im Sinne von: du sagst etwas, wof\u00fcr es keinen Grund gibt. Viel wichtiger als die Frage nach Optimismus oder Pessimismus ist es, bestimmte emanzipatorische Prozesse zu identifizieren. Es geht also nicht darum, eine bessere Welt blo\u00df zu fantasieren, sondern empirische Tendenzen zu erkennen und dann weiterzudenken.<\/p>\n<p><strong>Kritiker wie Chantal Mouffe sehen in ihrer Theorie einer absoluten Demokratie hingegen eine Art postmoderne Wunschmaschine. Ihre Ablehnung der repr\u00e4sentativen Demokratie und klassischen Institutionen verdamme sie zur praktischen Wirkungslosigkeit.<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt zwei Antworten auf diesen Vorwurf: Zum einen nimmt dieser Realismus-Diskurs, der sich mit seinem \u201eSei realistisch!\u201c ja auch immer ein bisschen nach Schullehrer anh\u00f6rt, vielen Menschen ihre berechtigten Tr\u00e4ume und Hoffnungen. Denn eine der wichtigsten Aufgaben der Politik besteht darin, sich eine andere Welt vorzustellen. Und auch historisch hat sich ja immer wieder gezeigt, dass vieles, was einst unm\u00f6glich schien, schnell Wirklichkeit wurde. Das zweite ist, dass die sogenannten Realisten oft selbst gar nicht sehen, was wirklich passiert. Ein Beispiel: In der 18t\u00e4gigen Tahrir-Besetzung hat man geradezu obsessiv versucht, einen Anf\u00fchrer ausfindig zu machen. Zuerst dachte man, es w\u00e4re Mohammed el-Baradei, dann sollte es der Google Mitarbeiter Wael Ghonim sein und am Tag darauf gab es schlie\u00dflich noch drei weitere Kandidaten. Die Realisten verstanden nicht, dass hier etwas ganz anderes passierte. Ihre Perspektive hat sie blind f\u00fcr die Wirklichkeit gemacht. Denn auf dem Tahrir haben zwar nicht alle Menschen absolut gleichberechtigt partizipiert, aber es gab verschiedene Gruppen, die mit einander verhandelt haben \u2013 und zwar ohne zentralen Anf\u00fchrer. Chantal Mouffes Ansatz best\u00fcnde hingegen wahrscheinlich darin, abzuw\u00e4gen, ob solche Bewegungen praktisch wirkungsvoller w\u00e4ren, wenn sie mit hegemonialen Instanzen kooperierten. Die Realit\u00e4t dieser f\u00fchrerlosen, horizontalen Organisationsform zu erkennen, scheint mir aber ebenfalls etwas sehr praktisches und realistisches zu sein.<\/p>\n<p><strong>Ihr Demokratiekonzept basiert ma\u00dfgeblich auf der Idee der Gemeing\u00fcter. Das bedeutet, dass Menschen die F\u00e4higkeit und auch den Willen f\u00fcr die M\u00fchen der Selbstverwaltung aufbringen m\u00fcssen. Ihr Kollege Slavoj \u017di\u017eek hat k\u00fcrzlich gesagt, dass er es jetzt, wo er \u00e4lter wird, als Genuss empfindet, sich nicht permanent mit Politik besch\u00e4ftigen zu m\u00fcssen. Verstehen sie das?<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube, dass die Apathie und das fehlende Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Politik oft vom politischen System selbst produziert wird. Mangelnde Partizipation, selbst wenn es nominell M\u00f6glichkeiten daf\u00fcr gibt, ist also mehr ein politisches Produkt denn Teil der menschlichen Natur. Aber nat\u00fcrlich m\u00fcssen wir auch Formen der Selbstregierung finden, die in unser t\u00e4gliches Leben passen. Man muss f\u00fcr eine Demokratie nicht sein Leben lang im Zeltlager schlafen. In dieser Hinsicht habe ich also Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Slavojs M\u00fcdigkeit.<\/p>\n<p><strong>Glauben Sie, dass beispielsweise die Piratenpartei oder die 5Sterne Bewegung Beppe Grillos eine Antwort auf die Krise der Demokratie geben k\u00f6nnen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich denke, dass derartige politische Experimente sehr wichtig sind. Bei der Piratenpartei gef\u00e4llt mir die Offenheit gegen\u00fcber neuen Formen der Entscheidungsfindung, aber auch die Bereitschaft zu Scheitern. Denn es liegt ja in der Natur von Experimenten, dass sie manchmal anders ausgehen, als man zuvor dachte. Aber man muss es einfach wieder versuchen, weiter experimentieren. In programmatischer Hinsicht w\u00fcrde ich diese beiden Beispiele zwar nicht unbedingt als L\u00f6sung sehen, aber als politische Experimente scheinen sie mir \u00e4u\u00dferst wichtig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 25.03.2013 erschien auf der Hompage von &#8220;der Freitag&#8221; das Interview &#8220;Occupy war ein Erfolg&#8221; mit dem linken Theoretiker und Literaturwissenschaftler Michael Hardt. Aus Platzgr\u00fcnden wurden Teile des Interviews dort nicht ver\u00f6ffentlicht. Der Autor und Interviewer Nils Markwardt war so freundlich mir den bislang unver\u00f6ffentlichten Teil des Interviews zur Verf\u00fcgung zu stellen. 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